Interview mit Erbse

FRAGEN im Vorfeld der Ausstellung im Alpinen Museum 8.11. 2010
Antworten vom Erbse

– Wann hat das Zeichnen angefangen?

Mit der Fähigkeit einen Stift zu halten…
Ich war von Anfang an unendlich fasziniert davon, mit eigenen Mitteln und aus mir selbst heraus die Welt abbilden zu können. Ich kann mich daran erinnern, wie ich mich mit drei oder vier Jahren daran setzte einen Vogel zu zeichnen und es mir zur Offenbarung wurde, wie leicht das eigentlich geht: Ein kleiner Kreis mit Auge und Schnabel für den Kopf. Ein großer Kreis für den Bauch und links und rechts zwei lang gezogene Zacken als Flügel. Schließlich hinten den Schwanz dran, fertig:

Und das sieht ECHT AUS WIE EIN VOGEL!!! Das hat mich völlig gefesselt.

Ich wollte schon immer möglichst alles aus dem Kopf malen können. Wenn ich dabei an Grenzen stieß suchte ich mir Vorlagen, aber immer im Bestreben, mir diese zu eigen zu machen. Ich wollte ALLES zeichnen können.

Bis heute ist das Zeichnen für mich etwas ganz Physisches, etwas körperlich Spürbares. Ich spüre es, wenn der Stift die Linie modelliert. Und wenn ich eine Figur mit speziellem Gesichtsausdruck zeichne, habe ich häufig automatisch den gleichen Ausdruck im Gesicht.

– Wann wurde festgestellt dass eine Begabung für das Zeichnen da war?

Die war einfach da und hat sich schon ganz früh gezeigt. In so fern gab es da nicht viel festzustellen.
Ich denke selbst viel darüber nach, was es mit dem Thema „Begabung“ auf sich hat. Wenn ich in der Öffentlichkeit zeichne kommt immer wieder mal so eine Aussage wie: „Ach, so was muss man halt im Blut haben.“ Ich glaube, ganz so einfach ist das nicht. Man hört immer wieder von dem Phänomen der Wunderkinder. Ein Jehudi Menuhin konnte anscheinend ein Geigenstück hören, die Geige in die Hand nehmen und es perfekt nachspielen. Ich möchte nicht bestreiten, dass es so etwas gibt, glaube aber, dass dergleichen ziemlich verkürzt dargestellt wird. Aus eigener Erfahrung kann ich von der oben angesprochenen „sinnlichen Wahrnehmung“ des Zeichnens berichten, die ein unglaublich motivierender Zugang ist, einen elektrisiert und automatisch dazu treibt, mit dem Stift zu hantieren. Daraus resultiert dann ein permanentes und begeistertes Üben und das führt zum Können.
Ohne einen Jehudi Menuhin zu kennen (oder mich gar in irgend einer Weise in eine Verhältnis zu ihm setzten zu können), vermute ich, dass so ein Mensch – vielleicht noch viel stärker als von mir erlebt – eben diesen sinnlichen Zugang zu seinem Instrument hatte und spüren konnte, wie er es handhaben muss um die genau so gefühlten Töne hervorzubringen. Und dann hat er die Geige nicht mehr aus der Hand legen können.
Dieser spezielle Zugang zum eigenen Tun, der mag schon besonderer Funke der Inspiration, gleichsam eine Art Göttergeschenk sein, und von mir aus mag man das Begabung nennen. Ansonsten kommt Kunst eben von Können, und das Können entsteht aus der Übung. Oder ums in den Worten von Wolfgang Güllich zu sagen: „10 % Inspiration, 90 % Transpiration“!

Ich habe nie eine reguläre Ausbildung als Zeichner absolviert. Was ich heute kann entstand ausschließlich über aus „learning bei doing“. Irgendwann auch über „lerarning by earning“, was natürlich erst recht Spaß macht.

– Wie war die Reaktion deiner Freunde darauf? Wie die der Mitschüler?

Ich war nie der Starke, der Coole, der Heroe in meiner Kindheit, sondern eher der Kümmerling aus akademischem Hause. Und aufgrund der vielen Umzüge meiner Eltern war ich immer wieder auch „der Neue“, der so komisch Hochdeutsch sprach. Da gab’s durchaus auch Ablehnung anderer und einiges an Unwohlsein und Minderwertigkeitskomplexen meinerseits. Aber zeichnen konnte ich immer saugut und eigentlich immer besser als alle anderen. Dafür bekam ich auch Anerkennung.

– Wie war die Reaktion der Lehrer?

Na, ein Lehrer in der Mittelstufe fand meine Sachen ganz offensichtlich so geil, dass ich sie nie wieder gesehen habe. Er hat sie nach Ende meiner Zeit an dieser Schule behalten.

In meinen Heften fand sich manchmal mehr an Zeichnereien als an regulären Inhalten. Und ich saß mal eine ganze Zeit aus Platzgründen an einem Einzelpult, an „meinem“ Pult, und das habe ich opulent mit eigenen Comicfiguren verziert. Mit Einverständnis des Hausmeisters, der fand das gut.

In der Oberstufe hat mir mein Kunstlehrer mal ernsthaft bekümmert und sich schon fast entschuldigend mitgeteilt, er könne mir im Zeugnis keinen Einser geben, so leid ihm das tue angesichts dessen, was ich abliefere. Aber ich sei in den Klausuren einfach zu faul gewesen.
Nun, ich konnte damit leben.
Gerade bei diesem Lehrer hätte ich in der Oberstufe gerne Kunst als Leistungskurs belegt, aber aufgrund einer zu geringer Interessentenzahl kam keiner zu Stande. Ich machte schließlich ein Sportabitur.

Während des Studiums besuchte ich ein Proseminar „Einführung in die Psychologie für Lehramtsstudenten“. Die Dozentin veranstaltete einmal einen Wettbewerb, wir sollten „Sprechangst“ in einer Zeichnung darstellen. Ich ließ den Blick durch den Hörsaal schweifen in dem gut und gern 150 Stundenten saßen dachte mir: Das gewinnst du!

Dem war dann auch so.

– Wie war die Reaktion der Familie?

Normal. Die wussten halt, dass ich gerne male und dass auch entsprechend kann. Und meine drei Schwestern schwingen den Stift auch nicht so schlecht.

– Wie war der berufliche Werdegang?

Ja, der war und ist spannend…
Als Jugendlicher überlegte ich mir, ob ich nicht später einmal auf die Zeichnerei setzen und beispielsweise Grafik-Design studieren solle. Mein Vater meinte: „Bub, selbst wenn du eine Begabung von 1:1000 haben solltest, rechne das mal hoch auf die bundesdeutsche Bevölkerung … willst du wirklich vom Zeichnen leben?“ Ich bin zwar im Gegensatz zum Zeichnen ein erbärmlicher Mathematiker, aber das konnte ich nachvollziehen und es leuchtete mir ein. So war eine Orientierung Richtung Zeichnerei kein Thema, als ich schließlich meine Studienwahl traf. Weil in dieser Zeit Sport für mich ein zentraler Lebensinhalt war – speziell die Kletterei hatte mich inzwischen wie eine Sucht erfasst – entschied ich mich, eben dieses in Konstanz zu studieren. Und weil Sport in Konstanz nur auf Lehramt angeboten wurde, brauchte ich ein zweites Fach; das wurde dann eher zufällig die Germanistik. Nun sah es ganz danach aus, als würde ich Gymnasiallehrer werden.
Parallel dazu aber war und blieb das Zeichnen ein stets aktuelles Thema. Ich finanzierte einen Teil meines Studiums mittels Illustrationsaufträgen, außerdem begann ich mit meinen Klettercomics und brachte während meiner Studienzeit den ersten Band heraus.
Nach dem ersten Examen drückte ich mich vor dem Referendariat. Meine damalige Freundin hatte soeben ihres hinter sich gebracht, und ich hatte mit ansehen müssen, was das für eine institutionell organisierte Quälerei gewesen war. Überhaupt, ich hatte einen rechten Graus davor, Vertreter dieses Systems zu werden. Über die Klettercomcis hatte meine Zeichnerei inzwischen eine konkrete Perspektive. Vor allem aber bekam ich das Angebot in einer Firma mitzuarbeiten, die Seminare und Outdoortrainings anbot. So ging es in die Freiberuflichkeit. Dabei hatte ich den Plan, mich in diesen zwei Bereichen zu etablieren um dann doch noch das Referendariat nachzuschieben. Das Ergebnis wäre eine mit drei Berufen gesicherte Existenz.
Soweit der Plan. Die Realität sah anders aus. Man „etabliert“ sich nicht einfach und ist irgendwann „fertig“. Fertig ist man vielleicht am Ende einer Kletterroute, nicht aber im sich entfaltenden Leben. Da wählt man eine Richtung, und dann ist man bis auf weiteres auf den Weg. Nach drei Jahren war ich mitnichten etabliert oder gar endgültig wo angekommen, aber mein Examen drohte zu verfallen. In meiner Not konsultierte ich die Eltern. Mein Vater fragte mich, ob ich denn gerne Lehrer sein wolle. Dem konnte ich nicht wirklich zustimmen. Darauf fragte er, was denn dann der Grund für meine Not sei, etwa der Gedanke an die Sicherheit? Das musste ich bestätigen. Darauf sagte er mir: „Dann vergiss’ es! Das hat nichts mit dem Leben zu tun.“
So wie mich seinerzeit sein Statement davon abbrachte die Zeichner als Ausbildung zu absolvieren, war nun diese Äußerung ein Befreiungsschlag. Ich ließ die Lehramtsoption erleichtert fahren und setzte meinen Weg als Klettercomiczeichner und Outdoortrainer fort.
Es sollte allerdings nicht lange dauern, da geriet ich erneut in Bedrängnis. Beide Berufe verlangten mir viel ab. Ich geriet in einen Spagat, der immer schwieriger zu stehen war und hatte das Gefühl, keinem Bereich wirklich gerecht zu werden. Ich mochte beide Tätigkeiten und konnte mich nicht entscheiden. Heute weiß ich, dass schon damals mir die Zeichnerei insgeheim näher war als der Trainerjob. Doch als Outdoortrainer bewegte ich mich in bestehenden und organisierten Strukturen und verdiente für meine Begriffe ganz gut, was beim Zeichnen nicht annähernd vergleichbar gegeben war. Insofern war ich immer noch dem Sicherheitsdenken verfallen und empfand es als eine weitere Befreiung, als ich Ende 2002 ein hervorragendes Jobangebot im Trainings- und Seminarbereich bekam. Das konnte doch kein vernünftiger Mensch ausschlagen! Somit schien mir die Entscheidung abgenommen und die Würfel gefallen zu sein. Und mit drei veröffentlichten Klettercomcibänden meinte ich es jetzt auch gut sein lassen zu können um nun endgültig seriös und erwachsen zu werden.
Aber der Mensch denkt und der Herrgott lenkt. Ich konnte meiner zeichnerischen Bestimmung nicht entkommen. Nachdem ich meinte diese wegamputiert zu haben, geriet ich in die allergrößten Seelennöte. Nach kaum einem halben Jahr in meinem neuen Job war ich völlig am Ende, konnte ich keinen Schritt mehr tun und man diagnostizierte mir eine lupenreine Depression aufgrund eines Burnouts.
Na prima.

– Ist Illustrator/Cartoonist der Hauptberuf oder ein Nebenberuf?

So wurde ich im Herbst 2003 schließlich doch Zeichner im Hauptberuf. Ich machte mich an den 4. Comicband, gab ihm programmatisch den Titel „Ich komme!“, und zog mit ihm im Gepäck im darauf folgenden Winter zum ersten Mal los in die Kletterhallen als Life-Act-Zeichner.

Seither ist viel passiert, es gibt inzwischen 6 Klettercomcibände und mehrere Bücher, an denen ich beteiligt war. Seit 2007 bin ich auch als Kabarettist unterwegs. Und ich habe das Gefühl, auf der richtigen Spur zu sein, auch wenn ich immer noch bass erstaunt darüber bin, dass mein Leben so funktioniert.

Derzeit spüre ich, dass ein weiterer Wandel ansteht. Die Jugend mit ihrer Kletterleidenschaft ist inzwischen Vergangenheit und dieser Bereich scheint mir, zumindest was die Comics angeht, ziemlich ausgelotet zu sein. Die Kletterszene hat sich unglaublich in die Breite entwickelt, ich selbst gehöre inzwischen zu einer älteren Generation mit zum Teil anderen Prägungen. Was nicht zuletzt mit dieser Ausstellung zum Ausdruck kommt, die zeigt, dass ich inzwischen im Museum angekommen bin!
Noch ist es lange nicht an der Zeit, aufzuhören. Ich bin gespannt, an welchen weiteren Türen ich vorbeikomme und durch welche ich durchgehen werde. Keine Frage, immer wieder kommt dabei die Sorge hoch, gerade wenn ich den Weg (noch) nicht zu sehen vermag. Und dann schlägt auch schnell der alte Kleinmut durch, geboren aus diesem verfluchten Sicherheitsdenken.
Aber der bisherige Weg hat mir gezeigt, dass in meinem Leben der Bauch besser rät als der Kopf, und darauf muss – und vor allem DARF – ich mich verlassen.
Still on the road … und so schließe ich (vorläufig 😉 mit meinen beiden Lieblingszitaten, an denen ich mich hingebungsvoll orientiere:

„Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“.
Und des weiteren:
„Wie sich Verdienst und Glück verketten, das fällt den Toren niemals ein. Wenn sie den Stein der Weisen hätten, der Weise mangelte dem Stein.“
Goethe. Wer sonst.

– Was entsteht neben Karikaturen/Cartoons? Gibt es noch andere Begabungen?

Allerlei … früher habe ich ab und zu Landschaft aquarelliert. 2008 erschien im TMMS Verlag ein Kinderbuch, für das ich Bilder in Farbe machte. Dabei habe ich einiges dazugelernt was wiederum Grundlage war für meine farbigen Wimmelbilder, die vor allem in der Zusammenarbeit mit der Zeitschrift CLIMB! im Jahr 2009 entstanden.

Das Life-Act-Zeichnen hat sich zu einer ganz eigenen und geliebten Disziplin entwickelt. Auch diesen Bereich habe ich mir autodidaktisch erschlossen. Dabei werfe ich spontan und auf Wunsch meiner Kundschaft Motive und Karikaturen auf Blatt oder mit dem Textilmarker aufs T-Shirt. Es ist ein komplett anderes Arbeiten wie ab Schreibtisch, wo ich mir mitunter jeden Strich überlege. Beim Life-Act-Zeichnen geht es um Geschwindigkeit und für die Zuschauenden hat es etwas Faszinierendes, wie sich aus wenigen und scheinbar planlosen Strichen ein Bild ergibt. Ich wage zu behaupten, ich bin dabei inzwischen ziemlich gut. Er ist für mich ein Handwerk, auf das ich durchaus stolz bin.
Ein solcher Life-Act-Zeichentag ist immer sehr intensiv und kräftezehrend, weil es eine hochkonzentrierte Tätigkeit ist. Aber sie gleichzeitig sehr befriedigend, nicht zuletzt aufgrund des positiven Kontakts mit der Kundschaft.
Als 16-jähriger war ich im Schüleraustausch in Paris und ließ mich vor dem Centre Pompidou von einem Straßenkünstler zeichnen. Das Ergebnis war gar nicht mal besonders gekonnt, aber dennoch war ich war völlig fasziniert von dem, was dieser Mann tat. Nicht im Traum habe ich damals daran gedacht, dass dergleichen eines Tages ein Teil meines Berufs sein würde.

Fast noch mehr überrascht habe ich mich selbst mit meiner Kabarettistentätigkeit. Der Keim dazu wurde 2003 auf dem zweiten Kölner Alpintag gesteckt, und zwar von Alexander dem Großen. Ich war, wie oben schon angesprochen, in den Anfängen meiner Life-Act-Zeichnei und damit vor Ort engagiert. Mein Platz war am gleichen Tisch wie Heinz Zak und Alexander Huber, die eifrig Autogramme gaben. Das ehrte mich, keine Frage, für mich gehörten die beiden ja zu den „ganz großen Jungs“ der Szene. Und dass ich mit meiner Klettercomcizeichnerei nun am gleichen Tisch gelandet war, hatte etwas Surreales. Aber so kamen wir in Kontakt. Und nach dem Ende der Veranstaltung saßen wir Beteiligten noch beim ein- oder anderen Kölsch zusammen, und da meinte der Huber Alex, ich solle mich doch mal mit einem Vortrag versuchen. Das sei inzwischen seine Haupteinnahmequelle, da gäbe es einen Markt und ich mit meinem Zugang zum Klettern könnte da doch sicher etwas Eigenes liefern.
Ich ging mit der Idee letztlich 5 Jahre schwanger, bevor ich mich konkret an dieses Projekt wagte. Zunächst schwebte mir vor, einen Kletterer-Diavortrag in durchaus klassischem Muster zu erstellen, um diesen gleichzeitig zu ironisieren. Dabei war klar, dass ich neben Fotos vor allem eigenes gezeichnetes Material verwenden würde. Und je länger ich daran bastelte, desto mehr verwoben sich weitere künstlerische Erbsenelemente in das Programm. Ich überlegte mir beispielsweise, mit welcher Musik ich eine bestimmte Bildersequenz unterlegen könne, bis mir klar wurde: Mann, das macht doch eh’ jeder! Und du schraddelst gerne auf deiner Gitarre, also mache das life! Und so wurde schließlich ein Kleinkunst- und Kabarettprogramm daraus.
Das finde ich in so fern ganz wunderbar, als ich in diesem Feld unerwartet weitere meiner künstlerischen Ausdrucksformen einsetzten konnte, denen ich isoliert nie eine präsentable Qualität zugesprochen hätte. Ich bin kein großer Musiker und Liederschreiber, es gibt deutlich eloquentere Verbalakrobaten und auch genügend Zeichner deren Können ich nie erreichen werde. Und ganz sicher gibt es viele viel bessere Kletterer, als ich das selbst zu meinen intensivsten Zeiten war. Aber die Mischung macht’s, die Summe meiner für sich genommen doch überschaubaren Qualitäten entwickelt im Zusammenspiel anscheinend eine ganz eigene und charmante Wirkung.
Ich stehe dem zum einen fasziniert, zum anderen aber auch mit Scheu gegenüber. Auf der einen Seite ist es ein ganz großartiges Gefühl, wenn ich mit meinem Programm begeisterte Reaktionen auslöse und auf breiter Front Zustimmung erfahre. Auf der anderen Seite exponiere ich mich dabei aber auf eine Art und Weise, die extrem verletzlich macht. Und nicht alle Auftritte funktionieren.
Bei den Comics ist das so leicht, da schicke ich meine Zeichnereien in den Ring, da muss sich mein Comic-Alter-Ego vor dem Publikum bewähren. Auf der Bühne dagegen schaue ich diesem deckungslos direkt in die Augen, und das ist jedes Mal sehr anspruchsvoll. Ich habe vor jedem Auftritt schlicht Schiss.

Das ist auch nicht anders wie bei anspruchvollen Routen … und irgendwann steigt man halt trotzdem ein! Wenn man vorab schon wüsste wie’s ausgeht, wär’s kein Abenteuer.

– Vorbilder?

Wilhelm Busch, ganz klar. Den habe ich als Kind in seiner ganzen Breite studiert und konnte ihn in weiten Passagen auswendig. Sicherlich bin ich von seiner Art zu zeichnen geprägt, möglicherweise auch von seiner Sichtweise als satirischer Moralist.
Als Zeichner und Maler ist für mich Albrecht Dürer derjenige, der schon vor einem halben Jahrtausend das Optimum an Kunstfertigkeit erreicht hat. Besser im Handwerk geht nicht.
Das ist zugegebenermaßen eine haarsträubend antiquarische Orientierung … aber sie besteht nun mal, und sie schlägt sich auch in meinem handwerklichen Ethos nieder. Obwohl ich alle meine Zeichnungen und Bilder digitalisiere und manches am Computer überarbeite, ist es mir total wichtig, das analoge Original in reiner Handarbeit möglichst perfekt zu machen.
Zu dieser Altbackenheit passt auch, dass ich als Kind nie ein wirklicher Comicfan war. Meine Lektüre beschränkte sich vor allem auf Asterix, auch Lucky Luke mochte ich. Mit den Heldecomic-Klassikern und SiFi konnte ich gar nichts, mit den Disney Produktionen und anderen Jugendcomics wenig anfangen. Aber die Comcizeichnerei selbst war trotzdem mein Ding. Von den Ergüssen in meinen Schulheften war schon die Rede, und mit 13 Jahren zeichnete ich ein erstes komplettes Comicbuch. Das war für mich damals ein richtig großes Projekt und im Ergebnis eine Wildwestgeschichte, stark angelehnt an Lucky Luke. Ich schickte sie an den EHAPA-Verlag, und der schickte ihn mir zurück mit ein paar warmen Worten. Völlig zu recht ;-D!
Bis heute bin ich nicht in irgendeinem Kontakt zu einer „Comciz(zeichner)szene“, wenn es denn so eine gibt. Die drei deutschen Comcizeichner, die mir präsent sind, sind zum einen Brösel, den ich in den 80ern las und richtig mochte. Er ist für mich in so fern ein Beispiel, als er mit seinen Comics zunächst der wohl der Zeichner der Bikerszene war und schließlich darüber hinaus in bekannt wurde. Mir sollte es mit der Kletterszene ganz ähnlich gehen (allerdings das mit dem Darüber hinaus …, na ja, vielleicht kommt das ja noch ;-)). Zum anderen ist da Ralf König, der noch viel eindrucksvoller den Weg aus seiner Szene in eine breite Öffentlichkeit vollzogen hat. Er ist für mich vor allem ein fabelhafter Choreograf seiner Geschichten. Kein Wunder, dass sein „Bewegter Mann“ zum Film wurde. Und schließlich Walter Moers, der für mich weniger Zeichner ist denn Literat.

– Woher kommen die Ideen?

Aus dem Leben. Und zwar einfach so. Ich glaube, dass sie sich aus (m)einer Art ergeben, die Welt zu betrachten.
Die Comics, die mir selbst am besten gefallen, zeigen eigentlich nichts anderes als Szenen der Realität. Diese sind pointiert dargestellt, zugespitzt und zielen in aller Regel auf einen Plot hin aus einem Blickwinkel heraus, der eine der realen Szene innewohnende Komik erkennt und offen legt. Dieser Blickwinkel ist ja eigentlich fast jedem bekannt, man muss nur darauf kommen! Ein guter Comic überrascht, erwischt einen auf dem falschen Fuß. Wenn es gelingt dann blitzt mit der Auflösung des Plots ein ironischer Moment auf, in dem man sich unerwartet selbst widerspiegelt.
In meinen Anfängen habe ich ungebunden und frei einfach die Ideen umgesetzt, die mir in den Sinn kamen, und das Kletternmagazin hat sie veröffentlicht. Dann lud mich 2002 die Redaktion des Panorama zur Zusammenarbeit ein. Nun aber sollte für jedes Heft ein Thema vorgegeben sein. Ich zweifelte, ob das funktionieren würde, denn ich kann ich habe keinen wirklich aktiven Einfluss darauf, ob gute Ideen kommen oder eben nicht. Aber siehe da: Irgendwie ging es. Die Erkenntnis, tatsächlich auf einen fixen Termin hin themengebunden kreativ sein zu können war ein entscheidender Schritt hin zu meiner Professionalisierung. Ich machte ihn damals aus einem stabilen Selbstbewusstsein heraus, es als Szenezeichner der Kletterer eigentlich nicht nötig zu haben, für den DAV zu arbeiten, und daher auch nichts zu verlieren zu haben. Als „Träger der Kletter-Subkultur“ stand einem ohnehin eine gewisse Überheblichkeit gegenüber diesem ach so traditionellen Verein gut zu Gesicht, dessen Establishment ja auch umgekehrt dem modernen Sportklettern gegenüber lange ziemlich ignorant gegenüber gestanden hatte.
Erst viel später begriff ich, dass „Panorama“ um eine Zehnerpotenz mehr Leser bedient als „Klettern“ und mir entsprechend eine ganz andere Plattform bot. Wie schon gesagt, der Mensch denkt, der Herrgott lenkt, und oft hat man ganz einfach Glück im Leben!

– Wie passiert die Umsetzung von der Idee hin zur Zeichnung?

Am Anfang steh die Idee. Mit der im Kopf setzte ich mich hin und skizziere in groben Strichen ein Storyboard, in dem ich Choreografie insgesamt und die Bilder im Einzelnen sowie den Text festlege. Dann wird der Comic zunächst komplett mit Bleistift umgesetzt. Das ist der anspruchvollste Teil der Arbeit, der anstrengt und vor dem ich mich gerne lange herumdrücke. Oft ist es zäh und ich bin endlos am Radieren und Korrigieren, bis ich zufrieden bin. Aber immer wieder kommt dabei auch der Punkt, da fließt es auf einmal wie von selbst aus dem Stift heraus, und das sind diese eingangs beschriebenen „körperlichen“ Momente. Die sind wiederum ganz großartig. Und wenn es insgesamt so läuft wie es laufen soll, dann ist der Bleistiftentwurf im Ergebnis zwar etwas anders als die skizzierte Choreografie, aber immer wieder überraschend besser.
Nun schließt sich die deutlich entspanntere aber auch langwierige Phase des Ausarbeitens an. Dabei wird die Bleistiftzeichnung zunächst mit einem sehr dünnen Tuschestift nachgezeichnet, dann werden die Linien mit verscheiden starken Stiften ausgearbeitet und schließlich die Flächen schraffiert. Für diese Arbeit brauche ich heute um ein Vielfaches länger als zu meinen Anfangszeiten. Das ist in der Entwicklung meiner Zeichnerei durch die Comicbände hinweg nachzuvollziehen, und es hat mich lange ziemlich genervt. Der Comic war ja im Prinzip gezeichnet und damit irgendwo die Spannung aus der Sache. Inzwischen aber genieße ich diese Phase des Ausarbeitens. Ich kann mich ganz in sie versenken und auf die Art endlose Nachtschichten am Zeichentisch verbringen. Der Comic ist jetzt auf Papier gebracht, es hat geklappt, das Kind ist geboren, und jetzt mache ich es schön!

– Wann kommen die besten Ideen?

„Auf dem Klo“ würde sich jetzt natürlich als Antwort aufdrängen… Tatsache ist, ich kann es nicht sagen. Sie kommen halt. Klar, manchmal ergibt sich ein Apropos direkt aus einer erlebten oder beobachteten Szene, aber die meisten Ideen kommen unvermutet irgendwann, ohne dass ich da irgendeine Regelhaftigkeit erkennen kann.

– Gibt es ein Mittel für gute Ideen?

Nicht wirklich. Aber ein ausgeglichenes Gemüt, irgendwo nahe an der eigenen Mitte ist bestimmt kein Fehler.

– Gibt es Momente wo einem die Ideen ausgehen?

Ja. Und dann brauche ich erst gar nicht anfangen.

– Was bedeutet Kreativität?

Oh je …
„Kreativität bezeichnet die Fähigkeit, neue Problemstellungen durch die Anwendung erworbener Fähigkeiten zu lösen. Die Anwendung erworbener Fähigkeiten auf ein neues Problem wird als Kreativer Prozess bezeichnet. In jüngerer Vergangenheit wurde diese Fähigkeit vermehrt zum Gegenstand des Interesses von Wirtschaft und Wissenschaft. Die Erforschung kreativer Prozesse und ihre Beherrschbarkeit und Berechenbarkeit gewinnt zunehmend an Bedeutung.
Ursprünglich wurde der Begriff Kreativität als Bezeichnung für die Ursache persönlicher geistiger Schöpfungen (Urheberrechtsgesetz) von Künstlern verwendet. Von der Antike bis zum Mittelalter wurde die individuelle schöpferische Kraft eines Menschen als Gottes Werk verstanden. In der Periode des Sturm und Drang entstand der Geniebegriff aus der antiken Vorstellung der Führung durch einen Genius. Der moderne Begriff der Kreativität hingegen beschränkt sich nicht auf künstlerische, menschliche oder angeborene Fähigkeiten.“
Soweit Wikipedia …

Für mich greift am ehesten die Bezeichnung „Ursache persönlicher geistiger Schöpfung“.

– In welchem Moment hat man keine Ideen mehr?

Wenn ich ganz weit weg bin vom Thema und so viel mit mir selbst zu tun habe, dass ich da auch nicht drankomme. Also eine Situation, die emotional genau das Gegenteil dessen darstellt, was ich oben als ein mögliches Mittel für gute Ideen genannt habe …

– Kommen die Ideen eher von der Geschichte (Text) oder von Bildern her?

Überwiegend vom visuellen Teil; das ist ja auch das Wesen des Comics, und ich bin Comcizeichner und kein Schriftsteller. Manche Comics kommen ja auch ganz ohne Worte aus. Mir selbst gefallen ganz besonders die Geschichten, in denen es mir gelingt die Sprechblasen nur mit gezeichneten Icons und Symbolen zu füllen. Bei manchen Comics ergibt sich aber auch der Plot vor allem aus der Sprache. Dem sollte man aber immer noch etwas visuell hinzufügen können, sonst kann es ein zu erzählender Witz bleiben. In aller Regel aber sind aber Bild und Text auf ihre eigene Art gleich wichtig und ergänzen sich zu einem Ganzen. Entsprechend feile ich oft intensiv an beidem und bemühe mich um ein Optimum.
Und ab und zu fällt einem ein Edelstein einfach in den Schoß, Sprache und Zeichnung sind von vorne herein aus einem Guss, an dem nicht zu schleifen gibt, weil’s einfach in Schwarze trifft und passt!


– Was macht einen guten Comic/Cartoon aus?

Das ist gar nicht so leicht zu sagen und schon gar nicht in wenigen Worten zu fassen…

Ich finde, ganz generell soll ein Comic Spaß machen. Persönlich gefällt es mir, wenn sowohl die Zeichenkunst als auch die Sprache ein gewisses Niveau haben. Das hat aber ausschließlich mit meinem eigenen ästhetischen Empfinden zu tun und ist in keiner Weise Vorraussetzung für das Funktionieren eines Comics. Ich habe weiter oben Walter Moers genannt, der extrem reduziert und vereinfacht zeichnet, aber im Zusammenspiel mit dem Text reicht es vollkommen aus. Nur so viel zum Stil, der ja immer Geschmacksache ist.

Die Analyse der formalen und inhaltlichen Elemente eines Comics und deren Wirkungen und Wechselwirkungen sind ein unendlich weites Feld und akademischer Gegenstand, zu dem sich vermutlich schon viele schlaue Köpfe in zahlreiche Arbeiten unendlich Gedanken gemacht haben. Ich verzichte darauf und werde das Thema unakademisch und ganz aus dem subjektiven Blickwinkel meiner Erfahrung heraus anreißen:
Wie gesagt, in aller Regel soll ein Comic/Cartoon ja witzig sein.

– Was ist ein Witz?

Der Witz ist ein Bruch in der Rezeption. Er ist eine für den Leser unerwartete Wendung, die ihm überraschend eine andere Bedeutungsdimension eröffnet, die er zunächst nicht im Blick hatte. Das setzt übrigens voraus, dass dieses „geistige Verstolpern“ innerhalb der uns fass- und kontrollierbaren Sinnbezüge geschieht; nur dann ist es lustig. Führt uns der vermeintliche Witz dagegen in Bereiche außerhalb unserer geordneten Sinnbezüge, wird er entweder gar nicht verstanden, oder hat etwas Bedrohliches und wirkt entsprechend verstörend oder als Provokation.
Ein solcher Bruch im Sinnzusammenhang lässt sich ganz simpel inszenieren, wie zum Beispiel in einem Wortspiel:

Fragt ein Geselle den anderen: „Was hältst du eigentlich von Meisterschaft? Antwortet der andere: „Na, ich find’s immer gut, wenn der Meister schafft!“

– Wie entsteht eine LUSTIGE Bildergeschichte?

Natürlich ließe sich so einen Wortwitz auch zeichnen, aber dabei entsteht kaum ein Mehrwert für diesen sagenhaften Joke ;-). Der Bilderwitz macht erst dann Sinn, wenn das Bild einen entscheidenden Anteil am Plot hat:

Dieser Witz funktioniert nur in seiner Kombination von Bild und Wort, sowie durch die sequentielle Darstellung der Bilder, den so genannten Panels. Diese schaffen beim Betrachten einen zeitlichen Ablauf, in dem durch das Zusammenspiel von Bild und Text ein Sinn entsteht, der im letzten Bild gebrochen wird, was den Witz ausmacht.
Eine klassische Bildergeschichte entsteht aus eben diesen Elementen: Information aus Bild und Text, sowie ihrem chronologischen Ablauf. Der Beispielcomic ist in so fern simpel, als diese Elemente in einem eindimensionalen Zusammenhang stehen. Aber natürlich lassen sich diese unendlich kunstfertig und komplex miteinander verbinden. Und auf diese Art und Weise erschließt ein guter Comic mehrere Dimensionen, schafft unterschiedliche und unterschwellige Sinnbezüge. Er eröffnet parallel laufende, unterschiedliche Ebenen der Lesart. Dazu ein Beispiel, bei dem mir das nahezu perfekt gelungen scheint, weswegen ich ihn für einen meiner besten Comics halte:

Was mich an ihm so freut ist der Umstand, dass Text und Bilder ganz konsequent durchkomponiert zwei ganz unterschiedliche Geschichten erzählen, die sogar komplett von einander isoliert funktionieren würden. In ihrer Kombination aber ergeben sie ein ironisches Spannungsfeld, das eigentlich jedes einzelne Panel schon zu einem Witz macht. Dass sich im letzten Bild in der Auflösung dieser Spannung ein komplett anderer Sinnbezug herstellt, ist das Sahnehäubchen auf dem Comic.

Er ist einer von diesen schon angesprochenen und so selten zu findenden „Edelsteinen“. Mit der zündenden Idee hatte ich ihn im Prinzip sofort in seiner Endform vor mir. Gerade so, als hätte er fix und fertig nur darauf gewartet von mir gefunden zu werden.

Und in diesem Zusammenhang möchte ich abschließend betonen: Die ganzen ach so feinsinnigen Sinnbezüge und Interaktionen zwischen Sprache und Bildern, die zeitliche Taktierung, der Rhythmus, der sich aus dem Ablauf solch einer Bilderreihe ergibt und ihn stimmig macht (die entscheidenden Wirkungsmomente der Zeitgebung liegen dabei weniger in den Bildern sondern ZWISCHEN ihnen!) bis hin zur Gesamtchoreografie einer solchen Comicseite sind nichts, was ich bewusst durchplane und technokratisch erstelle, sondern etwas, das aus dem Gefühl heraus entsteht. Klar, auch hier habe ich viel gelernt im Laufe der Jahre, und manche Kniffe kann ich heute bewusst einsetzen, aber der tiefe Zugang zu dieser Art der Gestaltung bleibt ein intuitiver.
Wahrscheinlich sind wir hier wieder beim Thema Begabung.

– Welchen Einfluss hat das Klettern auf das Zeichnen?

Einen konkreten Einfluss auf den praktischen handwerklichen Aspekt gibt in so fern, als es schwierig ist, mit vom Klettern ermüdeten Finger saubere Linien zu zeichnen… Ansonsten liegt es auf der Hand, dass Themenbereiche, die für einen selbst von zentraler Bedeutung sind zu entsprechender Bewegung im Hirn und so auch zu Comicideen führen. Die Kletterei ist für mich dadurch von dominierender Bedeutung, als sie mir die Grundlage meiner beruflichen Existenz als Zeichner geschaffen hat. Wie schon weiter oben bei der Frage zum „Zeichnerdasein im Hauptberuf“ angesprochen ist das ein Umstand, über den ich mir durchaus intensive Gedanken mache. Das Klettern hat für mich, dem aktuellen Lebensabschnitt mit Haus, Hof und Familie gemäß, schon lange nicht mehr den ehemaligen Stellenwert. Gleichzeitig habe ich nicht unbegründete Zweifel, ob ich ein Publikum erreichen würde, sollte ich jetzt auf Haus- Hof und Kindercomcis umsatteln … Deswegen wollte ich 2010 wieder richtig ins Klettergeschehen einsteigen. Darauf freute ich mich nicht nur sehr, ich hielt das auch für eine berufsstrategische Notwendigkeit. Dann habe mir aber am ersten Tag des allerersten Klettertrips ganz schauerlich das Knie ruiniert und darf dankbar sein 2011 überhaupt wieder klettern zu können.
Es hat offensichtlich nicht sollen sein, und ich glaube, ich habe auch die Lektion begriffen. Ich bin halt nicht mehr Mitte 20 sondern gehe auf Mitte 40 zu, und entsprechend habe ich mich den Gegebenheiten anzupassen, mit aller Konsequenz.
Damit sind wir bei der nächsten, durchaus spannenden Frage:

– Welchen Einfluss hat das Publikum auf die Comics/Cartoons?

Als ich mit meinen Klettercomics loslegte entstanden diese spontan und authentisch aus meiner eigenen Kletterleidenschaft heraus. Für andere Kletterer, die diese Leidenschaft teilen, ist das anscheinend spürbar. Ich denke, darin liegt das Erfolgsgeheimnis meiner Klettercomics.
Seit ich die Klettercomiczeichnerei zu meinem Beruf gemacht habe, steht aber auch der „Zwang zum Erfolg“ im Raum. Solange die Sache sich selbstinspiriert trägt und positive Resonanz hat, ist alles easy und locker. Aber was ist, sollte der Erfolg ausbleiben? Drängt sich dann nicht automatisch die Frage auf: Was muss ich tun, um beim Publikum anzukommen?
Dann ist es Zeit für die Marktanalyse, gilt es das Zielpublikum sauber zu definieren und strategisch in die Offensive zu gehen. Erfolg ist schließlich planbar…
Ja von wegen! So funktioniert es nicht. Zumindest nicht bei mir. Meine besten Arbeiten entstehen aus der Faszination am Thema, nicht aufgrund einer Orientierung an dem, was anderen gefallen könnte. Sollte ich anfangen, aus irgendwelchen Versagens- oder Existenzängsten heraus einem Publikum hinterher zu hecheln, gäbe ich meine Freiheit auf, verlöre die kreative Spontaneität und letztlich meine Selbstachtung. Ich würde mich verbiegen und damit zur lächerlichen Figur werden.
Das betrifft nicht nur die thematische Orientierung meiner Comics, das gilt generell für den Beruf und das Leben insgesamt. Ich habe bereits davon geschrieben, dass ich in der Vergangenheit immer wieder mal gestrauchelt bin, wenn ich aus Sicherheitsdenken und scheinbar objektiv bestehenden Zwängen heraus meinte, ich müsse mich strategisch anders verhalten, als es mir das Gefühl nahe legte. Das hat jedes Mal konsequent in die Sackgasse geführt.
Umgekehrt bedeutet das natürlich nicht, dass ich wie’s Blumenkind selbstvergessen durch die Welt tanze. Auch ich verhalte mich strategisch, klar. Man kann sich schon prinzipiell cleverer oder weniger clever da draußen in der Welt anstellen. Es gilt halt dabei ein gesundes Gleichgewicht auszubalancieren zwischen intuitiver Hingabe und rationaler Strategie. Dergleichen muss man permanent austarieren, und wie gut es einem gelingt kommt in der persönlichen Authentizität zum Ausdruck.
Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, speziell auch der als Zeichner, und das macht manchmal schon auch Bauchweh. Aber in dieser Offenheit liegt ja gleichzeitig eine Spannung, die das Leben interessant macht. Einen Weg, der komplett vorgezeichnet ist, braucht man eigentlich nicht zu gehen…

– Welchen Einfluss haben Verleger / Redakteure auf die Comics/Cartoons?

Einen nur sehr bedingten. Es gibt einen Meinungsaustausch, aber im Prinzip bin ich komplett ungebunden. Ich habe bislang das Glück, dass mir der Erfolg Recht gibt.

– Welchen Einfluss haben die Bergkameraden auf die Karikatur/Cartoon?

Bergkameraden?!? Auch wenn ich sie so selbst nicht nennen würde: Einen ganz deutlichen. Mit ihnen teile ich die Erlebnisse, aus denen die Comcideen entstehen. Konkret sichtbar wird das in den Comicbüchern, in denen sich einige meine Seilpartner, mit denen ich durch die Jahre hindurch unterwegs, war verewigt finden.

– Welchen Einfluss haben die Freunde die nicht Bergsteigen auf die Karikatur/Cartoon?

Keinen.
Ich überleg’ grad’, ob ich überhaupt Freunde hab’, die nicht klettern … 😉

– Welchen Einfluss hat die Familie auf die Karikatur/Cartoon?

Na, wenn man so will hat meine (werdende) Familie im 5. Comciband komplett den thematischen Rahmen geliefert. Und auch der 6. Band thematisiert ausgiebig die Umstände des Familienvaters. Ich kann ja nicht anders als aus meiner aktuellen Lebenssituation und Perspektive heraus meine Geschichten zu entwickeln.

– Gibt es spezielle Reaktionen des Publikums?

Schönerweise vor allem viel Zustimmung. Aber wenn man sich exponiert gibt es unumgänglich auch die negativen Reaktionen und manchmal auch Anfeindungen. Ich kann nicht leugnen, dass mir so etwas zu schaffen macht und ich bin dann immer bemüht dergleichen, wenn es irgendwie geh, aus der Welt zu räumen.
Ich habe ganz prinzipiell überhaupt kein Interesse daran mit meinen Comics oder auf der Bühne jemanden persönlich anzugreifen oder zu beleidigen. Es gibt genug Streit in der Welt, das muss ich nicht zusätzlich befeuern. Je älter ich werde, desto bewusster ist mir, dass es so viele Wahrheiten wie Köpfe gibt, und jede hat ihre Berechtigung. Natürlich soll man Missstände beim Namen nennen. Aber für mich ist hierbei der beste Weg vor allem der der Selbstironie.

– Wann entstehen die Comics/Cartoons?

Früher spontan. Heute, wenn der Abgabetermin drängt.

– Wie muss die Umgebung sein, dass ein Comic/Cartoon entstehen kann.

Dazu brauche ich möglichst meinen Schreibtisch und Ruhe.

– wie lang arbeitet man an einem Comic/Cartoon?

Wenn ich das an der Idee, die ja der Schlüssel ist, festmachen will, ist das kaum zu quantifizieren. Bis einen die Muse küsst können drangvolle Tage, ja Wochen vergehen, und manchmal ist die Idee sofort da. Für die konkrete Umsetzung brauche ich in der Regel einen (langen) Arbeitstag pro Comicseite. Aber wenn ich mal dran sitze, gelten eh keine klassischen Arbeitszeiten, da versenke ich mich so lange in die Sache, bis sie fertig ist. Bei dem Berghütten-Wimmelbild habe ich 9 Tage und 8 Nächte durchgezeichnet und nur dann geschlafen, wenn ich nicht mehr konnte. So was ist nicht besonders gesund, aber durchaus intensiv und lebendig, obwohl ich dabei komplett für mich alleine in Klausur bin.

– Was gibt es für Unterschiede in der Herstellung eines Comics/Cartoons?

Von dem Unterschied zwischen Life-Act-Zeichnen und der Arbeit am Schreibtisch habe ich bereits geschrieben. Im Büro bin ich akribisch, brauche viel Zeit und feile lange an meinen Zeichnungen herum, während ich in der Öffentlichkeit einen auf „Speed-Zeichnen“ mache und die Motive eines nach dem anderen geradezu weghaue. Das sind komplett verschiedene Nummern, die sich aber gegenseitig befruchten. Würde ich nur am Schreibtisch sitzen würde ich vielleicht eines Tages in Bewegungslosigkeit erstarren, und wäre ich nur Speedzeichner, könnte man wohl irgendwann die Motive nicht mehr erkennen …

– Mit welchem Werkzeug entstehen die Comics/Cartoons?

Früher habe ich mich mit Rapidograf, Rapidoliner, Tusche, Feder und Kaligrafiestiften geplagt, weil ich meinte, das müsse man als Profi so machen. Heute verwende ich für meine Comcis ganz profan HB und 3B Bleistifte, 0,05er Pigmentliner, 01, 03 und 05er Eddings, sowie stinknormale schwarze Stabilo-Filzstifte.
Fürs Kolorieren habe ich meine Aquarellfarben, die ich sehr trocken in Lasurtechnik aufs Papier bringe. Fürs Life-Act-Zeichnen brauche ich ein paar halbleere Flipchart-Marker für Schatteneffekte, des weiteren Textileddings für zu bemalende T-Shirts.

– Gibt es Grenzen dessen was man darstellen kann (will)?

Ja. Jede Form der Darstellung hat ihre ganz speziellen Merkmale und Stärken der des Ausdrucks. Einen Film kannst du nicht auf einem Foto zeigen.

Ich finde es faszinierend, wie breit der Bereich dessen ist, was man mit der Comcizeichnerei machen kann. Sie hat ja sowohl etwas von der Dynamik des Films als auch von der Statik des Fotos und bedient sich der Sprache. Ihre dennoch vorhandenen Grenzen theoretisch zu definieren fällt mir aber schwer. Dafür kann ich praktisch jederzeit spontan sagen, ob eine Idee für einen Comic taugt oder nicht.

Meinen Schritt vom Comic zum Kabarett habe ich nicht zuletzt deswegen vollzogen, weil sich hier neue Zugänge zum gleichen Thema auftaten, auf die ich neugierig war und die ich ausprobieren wollte.

Was thematische Grenzen angeht, so ist mir die Darstellung von willkürlicher, exzessiver Gewalt unerträglich. Ich habe nichts gegen drastische Darstellung, es darf auch deftig werden, mitunter auch mal Blut spritzen, aber nicht als Folge planmäßiger bewusster Boshaftigkeit. Das ist mir widerwärtig.
So ist es auch in Bezug auf Diffamierung und Herabwürdigung anderer. Hinter dergleichen steht immer eine peinlich niedrige und letztlich menschenunwürdige Haltung der eignen Überhöhung.

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