Wer den Siebner nicht ehrt, ist des Elfers nicht wert…

Oder: Zum Kotzen, dass der Nachwuchs so stark ist!

Die größte Lüge unter dem Klettervolk ist die Aussage: „Der Schwierigkeitsgrad spielt keine Rolle“!

Wer das behauptet, klettert entweder so bockstark jenseits von Gut und Böse, dass er sich es leisten kann aus gesicherter Position heraus das krampfhafte Ringen um Erfolg und Anerkennung am Fels mit abgeklärtem, herablassend-generösem Abstand zu betrachten.

Das ist natürlich sehr angenehm. Und wenn man nun nicht gerade Graham oder Sharma heisst und die Kletterleistung nicht ein echter Bindhammer ist, kann man sich ja jederzeit ein Umfeld suchen, in dem die Kollegen nicht so stark sind! Besonders beliebt und bekannt ist ja auch die Strategie, die neue Freundin ins Klettern einzuführen.

Viel häufiger ist jedoch der umgekehrte Fall: Man klettert so kreuzbeschissen, dass jede Referenz auf einen Schwierigkeitsgrad im Umfeld nur peinliches Schweigen hervorruft. Dann zieht man auf die Frage „was man denn so klettert?“ besser schuldbewusst lächelnd den Kopf ein und erklärt ausweichend was einem das Klettern ja sonst noch alles so gibt: Das Draußensein, der warme Fels, die frische Luft, jaja, blala. Das mag ja alles stimmen, aber da bleibt immer ein Stachel im Fleisch…
Entweder sucht man dann eine andere Sportart, oder fügt sich in das erniedrigende Schicksal des Schwierigkeitsschwachmaten.

Oder man fängt an zu trainieren.

Damit wären wir bei den weitaus häufigsten Vertretern unserer Spezies, der breiten Masse des Klettervolks. Wir investieren unglaubliche Energie in dem Bestreben unser Limit zu pushen und sind süchtig nach dem entsprechenden Erfolgsgefühl. Es tut einfach saugut, etwas besser zu können als die anderen. Der richtige Kick kommt erst im erfolgreichen Vergleich und dafür reißen wir uns den Arsch auf!
Nicht umsonst ist im DAV die Qualifizierung im Sportklettern inzwischen gleichzusetzen mit Wettkampfklettern.

Seien wir ehrlich: Wir sind die Kinder der Leistungsgesellschaft und vollkommen besessen von dem Traum der primus inter pares zu sein.
Wenn wir klettern gehen spielt der Schwierigkeitsgrad immer ein Rolle.

Das muss ja kein Problem sein. Vielleicht gehört man tatsächlich einmal zu den wenigen Glücklichen, die ganz oben schwimmen dürfen. Herzlichen Glückwunsch!
Vielleicht wird man aber auch von diesem Spiel, das zwangsläufig Verlierer produziert, so frustriert, dass man sich irgendwann ohne Seil abseilt und von Sekunde an ist alles tatsächlich kein Problem mehr.
Oder das Leben schleift einen zwischen Erfolg und Mißerfolg, bis sich irgendwann so etwas wie ein gewisser Gleichmut, eine besänftigende Weisheit einstellt. Der Schwierigkeitsgrad wird dann zwar nicht bedeutungslos, aber das Thema relativiert sich und man steht ihm gegenüber mit reifender Gelassenheit …

Ja Scheiße!
Eigentlich habe ich gedacht, ich würde mich schon lange in den eben genannten Sphären bewegen.

Vor einiger Zeit habe ich für meine Sektion Wettkampfrouten geschraubt. Vereinsmeisterschaften und BaWü-Cup Junioren und Jugend A & B.
Ich legte einen waren Hammer durch‘s große Dach, weite athletische Züge, ein Feuerwerk an interessanten Kletterstellen. Wer den Ausstiegsgriff in der Hand halten würde, hätte eine satte 7b hinter sich. Ich klippte nach dem eigenen Probedurchstieg völlig ausgepumpt die Umlenkung und überlegte, ob ich vielleicht nicht ein bisschen zu dick aufgetragen hätte.
Jetzt teilte mir mein Kollege und Wettkampforganisator Klaus mit, dass das die Route für die Junioren B sein würde. Ich traute meinen Ohren nicht, das war reine Kinderschändung! Als ich dann die Bürschchen sah, wurde mir fast schlecht vor Mitleid. Diese kleinen vorpubertären Würmer würden nicht mal über den Einstiegszug kommen.
Der Wettkampf begann. Ich lehnte mich schuldbewußt zurück. Das würde eine harte Lektion für den Nachwuchs werden.
Ja und dann? Die Winzlinge marschierten das Ding einfach hoch! Zack,- meinen tüfteligen Einstiegsboulder übersprangen sie einfach mit einem beherzten Dynamo und wuselten durch den Überhang wie die Gibbons in der Stuttgarter Wilhelma.

Ich war zerschmettert! Das konnte doch nicht wahr sein! Wo soll denn das hinführen, wenn diese Würstchen, kaum dass sie stubenrein sind, schon dermaßen stark klettern können!
Mit einem Schlag war die weise Gelassenheit dahin. Was für eine Schweinerei! Wie hat unsereins jahrelang knüppelhart trainiert, die ganze Jugend und besten Jahre gegeben um ein respektables Kletterniveau zu erreichen und jetzt kommen diese Büblein daher und pulverisieren das einfach! Legen da erst los, wo man selbst irgendwann einmal mühevoll angekommen ist! Das ist unfair, das gilt nicht!

Die haben’s aber auch geradezu lächerlich einfach heute: An jeder Straßenecke die Kletterhalle, in jeder Straßenkurve ein südfranzösich eingerichteter Fels, kubikmeterweise hochelaborierte Trainigsanleitungen und vor allem uns alte Hasen als personal trainers…
Der Nachwuchs weiß doch gar nicht mehr, was harte Arbeit am Kletterniveau bedeutet! Die ernten hemmungslos, was wir mühevoll gesät haben! Diese Fun & Actiongeneration, reine Konsumisten, die kommen auf die Welt und klettern `nen Neuner mit einem Finger in der Nase und haben keine Ahnung, dass das Leben harte Arbeit und Verzicht bedeutet!

So mache ich mich schweren Herzens daran, der Nachwelt zu erzählen, wie das damals war. Wie sich unsereins im Schweiße seines Angesichts und mit ehrlicher Hände Arbeit ein Niveau erkämpft hat, was die Jugend mit einer unerträglichen Selbstverständlichkeit als Startbasis hernimmt.
Man muss dem Nachwuchs doch vermitteln, wo die Ursprünge und damit die echten Werte liegen! Nicht dass ich glaube, dass diese Welt noch zu retten ist, aber irgendwas muss man ja tun in diesen Zeiten. Also, ihr Stepkes, hört her, so war das früher, als Schwierigkeiten noch schwer waren!

Herbst 1989. In den Felsen steckten geschlagene Haken, an den Gurten hingen neben viel zu langen Expressschlingen noch Klemmkeile und Hexen. Und wenn sich ein weiterer Gurt um die Hühnerbrust spannte, war das durchaus nicht unüblich.
Dennoch, es hatte sich bereits viel getan: Die erste Sportklettergeneration war in ihren besten Jahren. Ein Typ namens Güllich hatte bereits die „Wallstreet 11-“ geklettert und eine überschaubare Zahl von Helden kämpfte darum, der 8c zum internationalen Durchbruch zu verhelfen.

Als ich mit dem Klettern in Kontakt kam war das, als ob man ein Streichholz ins Ölfass wirft. Mir war sofort klar: Das ist es, das mach`ich! Mit meinem Seilpartner Cassen zog ich an die Eckenfelsen bei Bühl im Schwarzwald. Er kannte die HMS-Sicherung und fasziniert tasteten wir uns mit einer Mischung aus Mut und vollen Hosen in die vertikale Welt. Wie wir wussten hatte der sechste Grad lange die Grenze des Menschenmöglichen markiert. Über das, was diese Übermenschen jenseits davon in ihren damals noch so bunten Lycras vollbrachten, machten wir uns keine Gedanken. Das war zwar überaus faszinierend, aber eine Dimension, an die wir zu rühren nicht einmal auf die Idee kamen.
Zu gerne hätten wir gewußt, wie das, was wir uns da hochscharrten so zu bewerten sei, aber keine Vorstellung oder Anhaltspunkte. In Anbetracht der Sechsgradgrenze fachsimpelten wir, ob das, was wir da taten, einen Dreier wert sei. Vielleicht sogar ein Vierer?…
Um so größer war das Erstaunen, als wir schließlich feststellten, dass wir von Beginn an bis im oberen sechsten Grad unterwegs waren. Das war ja der Hammer! Das gab Auftrieb.

Inzwischen war ich Zivi auf der Schwäbischen Alb bei Reutlingen und kletterte täglich mit der Jümar in den Traifelbergfelsen. Ich hatte meinen ersten Panicoführer und war vollkommen von den Socken festzustellen, dass es auch im siebten Grad Griffe und Tritte gibt, die sich hernehmen lassen. Jetzt hatte ich komplett Feuer gefangen, da musste noch mehr gehen! Nachts hing ich am Türrahmen, zog meine Klimmzüge und wuchtete mit zwei Kurzhanteln herum. Nach einem halben Jahr Klettern wagte ich den Irrsinn und hing mein Toprope in den „Pasold Boulevard“. Für diesen an und für sich mickrigen Felsstreifen spuckte der Führer den achten Grad aus. Eigentlich undenkbar. Nachdem ich mich über den Ausstieg auf den Felskopf gestemmt hatte (das war damals noch nicht verboten), radelte ich wie gehetzt zum nächsten Telefon (damals gab es „Handy“ noch nicht mal als Wort). Ich musste mir unbedingt bestätigen lassen, dass die Bewertung richtig und ich auch keine leichtere Variante geklettert war. Ich rief beim Sport-Vohrer an, von dem ich wusste, dass da ein guter Kletterer und Traifelbergkenner hinterm Tresen steht. Der hatte für meinen euphorischen Wahnsinn überhaupt kein Verständnis und erklärte mich für bescheuert. Mir war’s egal, er bestätigte die Schwierigkeit!

Im Herbst `90 wurde ich Sportstudent in Konstanz und das Donautal zum Gegenstand meiner Sucht. Aber zwischen Jümarn und Vorsteigen gibt es bekanntermaßen einen Unterschied. Recht schnell war ich einigermaßen sicher im siebten Grad unterwegs, aber der tatsächliche Durchbruch zum achten Grad ließ auf sich warten. In meinem Umfeld gab es niemanden, der so ein Niveau drauf hatte. Und dass es mir jetzt vielleicht möglich sein könnte so abartig schwer zu klettern hatte etwas Atemberaubendes. Es kam mir fast anmaßend vor und ich wagte nicht so recht den Schritt zu tun. Über eventuell noch folgende, weitere Steigerungen nachzudenken fiel mir nicht im Traum ein. Einmal achter Grad, und mein Leben wäre vollbracht!

Da kam mir eine Begebenheit zur Hilfe. Mein Kommilitone, Freund und Seilpartner Ralf hatte einen Kletterkollegen in seiner Heimatstadt, dem er erzählte, ich sei am Fels stark unterwegs. Dieser hatte bereits den ein oder anderen Donautalachter geklettert, was ich wiederum über Ralf erfahren hatte. Und eines Tages standen wir alle drei im Donautal am Südkantenmassiv (das mittlerweile gesperrt ist). Ich war bestimmt ehrgeizig, aber der neue Kollege legte es auf einen regelrechten Kontest an: Wer ist hier der Platzhirsch?!
Ich stieg in den „goldenen Oktober“ ein und geriet im Ausstieg in eine neue Direktvariante. Als ich prustend den Standplatz erreichte, hatte ich eine gute 7+ geonsightet und war stolz wie Harry. Nun war der neue Kollege kaum zu bremsen, aufröhrend schwang er sich in den benachbarten „Autorenweg 8-“!! Mir stockte der Atem! … Und dem Kollegen alsbald der Kletterfluss. Am Überhang war Sense. Da half kein Fluchen und Zetern, er mußte den Rückzug antreten.
Naja, jetzt lag’s an mir. Und was soll ich sagen, ich freu‘ mich noch heute über diesen Halbonsightflash. Meine erste Achtminus im Donautal! Der Kollege war gleichsam am Boden zerstört. Halb auf den Knien und mit matter Stimme sprach er mir seinen Glückwunsch aus.

Wenn dieser Schwierigkeitsschritt in solch einem Stil erfolgt war, musste der glatte Achter doch möglich sein! Der Kollege hatte erst kürzlich im Gaskessel (heute auch gesperrt) die „Schaufel `nauf 8“ gemacht und meinte, dass sie für mich kein Problem darstellen sollte.
So zog ich mit meinem treuen Ralf ein paar Tage später voller Tatendrang in den Gaskessel. Es wurde ein grausames Erwachen: Die Route stellte sich sakrisch schwer heraus, für den Mittelteil fand ich nicht einmal eine Bewegungslösung. Aua, das traf mich hart! Offensichtlich war der Schritt das Minus vor dem glatten Grad zu tilgen doch deutlich gewaltiger als gedacht. Aber ich ließ nicht locker: Zwei Tage später gelang es mir, die noch unbewältigte Passage zu knacken. Diese Züge jedoch aneinanderzureihen erschien mir wahnwitzig.
Ich startete den dritten Anlauf. Inzwischen hatte ich eine heimliche Ahnung im Hinterkopf, die ich aber zunächst beiseite schob. Und tatsächlich gelang der Durchstieg. Zwar auf dem allerletzten Hemd, aber die Umlenkung war geklippt! Ich hätte die Welt umarmen können und schrie meine Freude ins Tal hinaus.
Es kam noch besser. Ein genauerer Blick ins Topo bestätigte tatsächlich meine Ahnung: Ich hatte mir die falsche Route zur Brust genommen. Das eben gepunktete Teil hieß „Manna aus Havanna“ und war (damals noch) mit 9- bewertet…
Ich war schlicht fassungslos. Was für ein nie erwarteter Durchbruch kaum zwei Jahre nach meinem ersten Schritt am Fels! Von jetzt an würde es keine Grenzen mehr geben, was sollte mich noch aufhalten können der beste Kletterer der Welt zu werden?!?

Naja.
Ganz so war‘s dann doch nicht. Maximal so, wie ich‘s in der ersten Story vom Comicband II aufgezeigt habe… . Tatsache ist, dass ich zwei weitere volle Jahre brauchte, bis ich meinen ersten glatten Neuner klettern konnte.

Der stressige Kollege vom Südkantenmassiv (dem ich eigentlich bis an mein Lebensende dankbar sein sollte und der natürlich meinen Mannaerfolg sofort unter die Nase gerieben bekam) übte umgehend Rache. An der Westlichen Zinne trieb er mich in die „touch and go“ mit den Worten: „Die kannst du bestimmt locker onsight klettern!“ Konnte ich natürlich nicht, und danach guckte der Kollege auch wieder ganz fröhlich aus der Wäsche.

Ja, so war das damals mit der Eroberung des Schwierigkeitsniveaus. Da war noch was dahinter! Wir haben nicht mit 8b angefangen!

Warum ich das alles erzähle?

Weil ihr armen Nachwüchsler gar nicht mehr WISST, wie schwer eigentlich ein Siebener sein kann!
Weil das Kletterleben von euch Youngsters heute BESTIMMT nicht so spannend ist wie unseres damals!

Vor allem aber, weil es UNERTRÄGLICH ist, dass ihr so UNENDLICH STARK werdet!

Verdammt noch mal, was schreib‘ ich da.
Ich fang wieder an zu trainieren…

Erbse `03

Kommentare

  • Ralph  |  4.Mai 2011

    Klasse geschrieben, und…oh Gott, ich war gestern noch stolz wie Bolle, dass ich als 42jähriger Klettereinsteiger (Anfänger hört sich immer so erniedrigend an) ne 4- in der Halle geklettert bin :-))


  • Klaus Barrois  |  10.Dezember 2015

    Mach weiter so..Danke


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