Wie einem Sportkletterer ein Sechstausender passierte

Ich bin Sportkletterer.

Wenn ich mich als solcher in der Öffentlichkeit zu erkennen gebe, geschieht es regelmäßig, dass mich der unwissende Pöbel umgehend für einen Perversen hält, der in schwindelnder Höhe ungesichert an den Fingerspitzen hängt.
Ich hasse das. Wenn ich dann erkläre, dass Klettern eine ganz normale, seriös zu betreibende Sportart ist, kommt immer die verständnislose Frage. „Wieso?! Ich denke du machst Frieklaimbing!“ Dann sage ich schon gar nichts mehr.
Aber fast noch schlimmer sind die Zeitgenossen, die in solch einer Situation interessiert und wissend schauen und dann fragen: „Wie hoch war denn dein höchster Berg?“
Aua!
Ich bin Sportkletterer. Ich betreibe eine kraftvolle Bewegungskunst in sonnenwarmem, genussvoll-lockerem Ambiente und habe mit bärbeißigen Yetirittern, die sich keuchend auf den Dächern der Welt die Endglieder ihrer Extremitäten abfrieren, rein gar nichts gemeinsam!

Und jetzt ist es mir passiert, Entschuldigung. Ich stand auf einem Sechstausender. Ich kann es mir auch nicht so recht erklären.

Vielleicht hat es was mit dem Älterwerden zu tun. Zum ersten Mal seid über zehn Jahren ließ ich mich auf eine Reise ein, die nicht unter dem Primärziel Klettern stand. Der Besuch bei einem Freund, der seit letztem Sommer in Ecuador arbeitet, wurde zum Anlass, dieses Land zu bereisen. Über Klettermöglichkeiten war nichts Vernünftiges zu erfahren. Sei’s drum, Gurt und Schlappen kamen auf jeden Fall mit in den Rucksack, man kann ja nie wissen.
Natürlich, ich wollte draußen unterwegs sein, das Treckingzeug war also auch dabei.

Ich landete in Quito, der Hauptstadt. Hier spielt sich der Alltag auf fast dreitausend Metern ab. Ich kriegte erst einmal keine Luft und sofort einen Sonnenbrand.
Und wo immer ich auch im Anschluss herumreiste, es gab nur bröselig-brüchiges Gestein.
Dennoch, ich konnte es nicht leugnen, die Anden gefielen mir! Die Landschaft breitete sich in großzügiger Weitläufigkeit, in weiten Teilen bewirtschaftet, wie ein malerischer Flickenteppich vor mir aus. Und wenn das Wetter stimmte, sah ich die eisbedeckten Häupter der großen Vulkane in den Himmel ragen. Wunderschön!

In Banos lernte ich Karen aus Holland kennen, und wir beschlossen, gemeinsam auf die Schutzhütte des Tungurahua zu steigen. Nicht, dass wir irgendwelche Bergsteigerambitionen gehabt hätten, um Gottes Willen! Der Gipfel ist eh tabu weil dieser Vulkan schwer aktiv ist. Aber sich genau diese Aktivität etwas näher anzusehen fanden wir spannend. Zudem hätte man da oben bestimmt eine famose Aussicht!
Es mag an der unbestreitbaren Dopingwirkung meiner attraktiven Begleitung gelegen haben, aber die 2000 Höhenmeter zur Schutzhütte erstiegen sich ohne größere Probleme. Und die dünne Luft auf knapp 4000 Meter Höhe machten mir offensichtlich inzwischen nichts mehr aus.
Was mich aber ernsthaft irritierte war der eigenartige Sog, den der nun doch in relative Nähe gerückte Gipfel entwickelte. Da oben zu stehen müsste irre sein!
Aber dann grollte der Berg und stieß seine Aschewolken in die Luft, und es war offensichtlich: Um da oben zu stehen müssten wir irre sein!
Dennoch, da blieb etwas Unbefriedigtes, als wir anderntags wieder ins Tal abstiegen, und das hatte nichts mit Karen zu tun.

Einige Tage später reiste ich mit dem Bus von Banos Richtung Riobamba. Der Tungurahua zeigte sich in selten schöner, vollkommen wolkenfreier Pracht. Eine von der untergehenden Sonne rot beschienene Rauchfahne stieg in den Abendhimmel. Und ich hatte mich offensichtlich verliebt. Gar nicht mal so sehr in Karen. Ständig musste ich zurückblicken nach dem Berg, der in der Ferne und inzwischen im Vollmondlicht immer noch zu sehen war.
Dann wanderte der Blick zufällig auch mal zur anderen Seite des Busses in die Nacht hinaus. Und da lag er im fahlen Licht: Der Chimborazo mit seinem mächtigen, eisbedeckten Rücken! Der König, der Riese, mit 6310 Metern der höchste Berg Ecuadors! Ich glaube, so schnell habe ich mich noch nie umverliebt, und jetzt war’s auch noch ein Er… Offensichtlich war es an der Zeit sich auf was ganz Neues einzulassen. Ich wußte augenblicklich, verdammt noch mal, da musst du hoch, das wirst du versuchen!

In meiner Absteige in Riobamba musste ich den Namen Chimborazo nur erwähnen, und noch in der gleichen Nacht hatte mir der Hotelchef seinen Bergführer aufs Auge gedrückt.
Dieser sichtete meine Ausrüstung und erachtete sie als gut, was mich lächerlicherweise mit Stolz erfüllte. Einzig die Steigeisen musste ich noch leihen. Auch noch ’nen Pickel, ich hatte immer gehofft, dieses Thema wäre mit Ende der Pubertät abgeschlossen gewesen.
Der Meister, er hieß Raùl, wollte die Aktion in knapp zwei Tagen durchgezogen wissen: Morgens Anfahrt zum Parkplatz bei der unteren Hütte auf 4800 Meter, Aufstieg zur „Whymper“-Hütte, 200 Meter höher, und von dort um 23 Uhr den Gipfel in Angriff nehmen. Ziel sei der Gipfel Ventimillia, etwa 50 Meter niedriger als der Hauptgipfel. Morgens um 8 Uhr würden wir umdrehen, egal ob dann er erreicht wäre oder nicht. Das hörte sich knallhart kalkuliert an. Mich störte nicht, dass wir nicht den Hauptgipfel anvisierten, sondern eher, dass mein Berghengst offensichtlich erfahren war in dem Umstand, dass seine Kunden den Gipfel nicht erreichen. Zudem hatte ich irgendwo schon einmal den Begriff „Akklimatisation“ gehört, und dazu passte dieses Hau-Ruck-Verfahren nun überhaupt nicht! Ich beschloss, einen Tag auf den Hütten vorzuschalten, mein Bergführer würde dann übermorgen auftauchen.

Gesagt, getan. Am nächsten Vormittag näherte ich mich per Taxi dem Chimborazo. Das Land hob sich in Wellen und Hügeln dem Riesen entgegen und wurde zunehmend öde und wüstengleich. Kurz vor dem Eingang des Nationalparks sagte ich meinen Taxifahrer adieu, um die letzten Kilometer zur unteren Hütte per pedes zu absolvieren. Ich war hochmotiviert und startete gleich richtig durch, ungeachtet der von mir noch nie erlebten Höhe von 4500 Metern. Zehn Schritte später war ich überzeugt, mich würde umgehend der Erstickungstod ereilen. Ein paar Alpakas standen mit stubsschnäuzigen Gesichtern etwas abseits und betrachteten aus großen Augen dieses röhrende, röchelnde Rucksackwesen. Ich schwor mir, in Zukunft nicht mehr zu rauchen und schlug eine deutlich bedächtigere Gangart ein. Und siehe da, es ging mit dem Gehen.

Die folgenden eineinhalb Tage waren von der eher tristen Art. Auf der Hütte war es saukalt, draussen windig, wolkenverhangen, und es graupelte. Ich lag die meiste Zeit im Schlafsack und überlegte mir, ob das alles nun wirklich sein müsse. Vor der Hütte stand eine Steinpyramide, und eine Tafel zeigte an, dass der große Alex – nein, nicht von Huber, sondern von Humboldt – vor ziemlich genau zweihundert Jahren beim Versuch der Erstbegehung gescheitert war. In diese Fußstapfen wollte ich natürlich nicht treten. Aber was würde es tatsächlich bedeuten, über 6000 Meter zu steigen?
Anderntags schleifte ich meinen Rucksack auf die Whymperhütte und ging noch einmal hinunter, wo Mittags tatsächlich mein Bergführer auftauchte. Nach erneutem Aufstieg bereitete er uns ein feines „pollo con arroz“, aber der Appetit wollte sich in der Höhe nicht so recht einstellen. Und dann hatte mich der Schlafsack wieder. An Schlaf war nicht zu denken, ich war viel zu nervös. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich meinen Chef schließlich rumoren hörte. Endlich! Also los!

Siehe da: Die Wolken hatten sich verzogen und die aufstrebenden Eisflanken des Berges lagen im Mondlicht. Im Land draussen standen zwei, drei Gewittertürme und warfen ihr flackerndes Wetterleuchten herüber. Die Szenerie war atemberaubend.
Es ging ein paar hundert Meter den Moränenschutt aufwärts. Auf die Stirnlampen konnten wir verzichten. Ich stellte mit Freude fest, dass ich mit der Höhe gut zurecht kam.
Den kurzen Abbruch des Gletschers hochzupickeln war die einzige Stelle, die so etwas wie einen technischen Anspruch hatte, und hier taten die Sportkletterarme ihren Dienst. Nun waren wir auf dem Eis. Raùl nahm mich an die Strippe und jetzt hieß es steigen, steigen, steigen.

Die folgenden Stunden haben in meiner Erinnerung etwas Unwirkliches, etwa wie eine Traum. Wir stiegen stetig und ohne Pause. Ab und zu blieb ich stehen und warf einen Blick in die Ferne oder die Eisflanke abwärts, ohne wirklich zu realisieren, dass ich derjenige bin, der hier schwer atmend steht. Allerdings, das Atmen und Steigen, das war konkret und real! Und je höher wir kamen, desto mehr reduzierte ich mich auf dieses Atmen und Steigen und den Rhythmus, in dem ich beides kombinierte. Ich musste an den Beppo Straßenkehrer aus Michael Endes Momo denken: „Ein Schritt, ein Atemzug, ein Besenstrich…“ Hier waren es ein Schritt, ein Atemzug, ein Pickelstich…

Wir kamen gut voran, und irgendwie war klar, ich mache weiter, bis ich oben bin, oder die Zeit abgelaufen ist.

Raùl sagte, wir hätten nun die 6000 Metergrenze erreicht. Mein Rhythmus lag inzwischen bei vier Atemzüge, Schritt links, vier Atemzüge, Schritt rechts, vier Atemzüge, Pickelstich… Beppo Straßenkehrer hätte gekündigt, garantiert. Und jedes mal wenn ein kurzer Steilaufschwung meinen Rhythmus unterbrach, kippte ich über die Kante in den Schnee, japsend wie ein Fisch auf dem Trockenen. Doch nun konnte es nicht mehr weit sein. Es dämmerte bereits ein glasklarer Morgen. Ich beschiss mich selbst mit der Illusion, der augenblicklich zu sehende Horizont sei der Gipfel, und schob mich so von neuem Horizont zu neuem Horizont. Und dann kam der Punkt, an dem nichts mehr ging. Netterweise war das der Gipfel. Ein letztes Hochwühlen auf einen Eisabsatz, und es war zu sehen, kein weiterer Absatz ist höher…

Von irgendwelchen orgastischen Gipfelmomenten kann ich nichts berichten. Natürlich, der Blick in den jungen Morgen war wunderbar. Nach Norden breitete sich tief unter uns ein Wolkenmeer aus, aus dem der perfekte Eiskegel des Cotopaxi emporragte, dem zweithöchsten Berg Ecuadors. Aber dieser Eindruck kam mir im Moment vor wie aus einem anderen Film. Wir machten uns recht bald an den Abstieg. Eigentlich war ich schon komplett gebügelt, aber die Aktion war eben noch nicht vorbei. Als wir schließlich über den Gletscherabbruch wieder das Geröll erreichten, hatte ich nur noch Pudding in den Beinen. Ich glaube, so fertig war ich noch nie zuvor in meinem Leben.

Potentielle Gefahrenmomente gab es nun keine mehr, und Raùl ging schon vor zur Hütte. Ich setzte mich um einen Schluck zu trinken. Fehlanzeige, die Wasserflasche war komplett eingefroren. Ich lehnte mich an den Rucksack, stand aber sofort wieder auf, sonst wäre ich auf der Stelle eingeschlafen. In meinem unkoordinierten Zustand setzte es mich auf den letzten Metern noch zwei mal unfreiwillig auf den Hintern.
Ich hatte nur noch einen Wunsch: Zurück nach Riobamba ins Hotel, um endlich ins Bett schlüpfen zu können. Eins war mir klar: So was machst du nie wieder!

Und heute? Was soll ich sagen, heute ist dieses Abenteuer der absolute Höhepunkt meiner Zeit in Ecuador. So irreal mir alles im akuten Moment erschien, so intensiv sind die Erinnerungen und Bilder, die ich heute in mir trage. Da kann ich gar nichts machen. Mehr noch, ich bin stolz auf die Aktion! Ich hab’s getan und hab’s gepackt.
Inzwischen habe ich sogar Respekt vor den bärbeißig Jetirittern. Ich bin letztlich da hochgestapft, aber was mag es bedeuten, in diesen Höhen zu klettern? Und das Dach der Welt hat noch satte 2500 Höhenmeter mehr…

Ich bin Sportkletterer, nach wie vor.
Wenn mich allerdings heute jemand fragt: „Was war ein höchster Berg?“, dann sage ich: „Das war der Chimborazo!“, und es fühlt sich prima an! Aber darum geht es eigentlich nicht. Ich kann immer noch nicht erklären, warum ich auf einen Sechstausender gestiegen bin, aber es ist genial, dass ich’s getan habe.

Kann gut sein, dass mir das wieder passiert.

Erbse 2002

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